Hier ein neuer Kommentar des hessischen Landtagsabgeordneten Ismail Tipi bei „Tichys Einblick“:

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ So steht es in Artikel 3 Absatz 2 unseres Grundgesetzes. Deutschland hat auf dem Gebiet der Frauenrechte und der Gleichberechtigung schon viel erreicht, gilt weltweit als einer der Vorreiter. Und dennoch: Gewalt gegen Frauen und sexuelle Grausamkeiten eines nicht anzunehmenden Ausmaßes gibt es auch hier, mitten in Deutschland. Der Blick über unsere nationalen Grenzen hinaus scheint jedoch weit besorgniserregender.

Die Gewalt gegen Frauen in Deutschland und weltweit zu beenden ist mir seit vielen Jahren ein wichtiges Anliegen. Gerade während der Corona-Pandemie ist es umso wichtiger hierauf aufmerksam zu machen, denn jetzt ist es noch schwieriger Fälle häuslicher Gewalt zu bemerken und dagegen vorzugehen.

Meist geschehen Verbrechen gegen Frauen im Stillen, im Kreise der Familie. Egal ob körperliche, physische oder psychische Gewalt – einer Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zu häuslicher, körperlicher, sexueller sowie psychischer Gewalt zufolge, hat jede dritte befragte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal Erfahrungen mit häuslicher Gewalt machen müssen. Jede zehnte Frau erlebte demnach eine Form sexualisierter Gewalt, jede zwanzigste musste sogar eine Vergewaltigung durchleben. Nur etwa 13 Prozent aller betroffenen Frauen meldeten die Gewalttaten gegen sie bei der Polizei.

Die Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes beklagt, dass jeden Tag ein Mann versuche seine Frau oder Ex-Frau zu töten. 2018 sind der Organisation zufolge in Deutschland 122 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden. Mehr als ein Mal pro Stunde würde eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner gefährlich körperlich verletzt. Insgesamt spricht Terre de Femmes von mehr als 114.000 Frauen, die von häuslicher Gewalt, Bedrohungen oder Nötigungen durch ihre Partner oder Ex-Partner betroffen sein – allein in Deutschland.

Die Zahlen sind erschreckend und bereitet mir großen Kummer. Es kann nicht sein, dass Frauen und auch junge Mädchen in unserem Land so häufig Opfer von schwersten Gewalttaten werden. Die Politik und die Gesellschaft sind gefordert hier hinzusehen, zu handeln und zu helfen.

Entscheidend ist in meinen Augen dabei das Klima der Angst zu durchbrechen, die betroffenen Frauen nicht etwa zu stigmatisieren, sondern ihnen zu helfen. Es ist wichtig ihnen zu vermitteln, dass Sie sich für die schrecklichen Erfahrungen, die sie machen mussten, nicht zu schämen brauchen, sondern die Täter eine Schande für unsere Gesellschaft sind. Nur wenn es uns gelingt, den betroffenen Mädchen und Frauen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, dann kann es uns auch gelingen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen und die Täter zu fassen.

Um die Gesellschaft, unsere Frauen und Mädchen, vor den Tätern zu schützen brauchen wir harte Strafen – ohne wenn und aber. Zudem müssen die Frauen bei ihrem Neuanfang unterstützt werden und vor den oftmals clanartigen Familienstrukturen der Täter geschützt werden.

Ein großes Problem, das ich an dieser Stelle wegen seiner schier unfassbaren Grausamkeit besonders beleuchten will, sind die Genitalverstümmelungen von Frauen und Mädchen.

Gerade im afrikanischen und Teilen des asiatischen Kulturraums ist diese unmenschliche Praxis noch üblich, aber auch in Deutschland wird von einer steigenden Anzahl von Fällen berichtet. Frauenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass in diesem Jahr über 18.000 Mädchen hierzulande eine Genitalverstümmelung aus religiösen oder kulturellen Motiven drohen könnte – die Tendenz ist steigend. Bundesweit seien über 70.000 Frauen von einer Genitalverstümmelung betroffen – sie alle leiden ihr Leben lang unter den physischen und psychischen Folgen.

Vielen Mädchen droht eine Beschneidung im Ausland: Im Sommerurlaub, der durch die Aufhebung oder Lockerung vieler Reisewarnungen nun wieder möglich scheint, reisen sie mit ihren Familien in ihre Heimatländer und werden dort grausam beschnitten. Betroffene haben die unmenschliche Praxis beschrieben: Die Vagina wird bei der sogenannten Infibulation nahezu vollständig zugenäht, nur ein kleines Loch bleibt für die Periode und den Urin des Mädchens. Dann werden den jungen Frauen die Beine für eine Dauer von 15 bis zu 40 Tagen gefesselt, sodass sie sich nicht bewegen können und die Wunde abheilen kann.

Wenn die Mädchen dann, meistens gegen den eigenen Wunsch verheiratet werden, öffnet der Mann die Stiche wieder, um mit seiner Ehefrau intim werden zu können. Eine weitere Öffnung der Naht muss vor der Geburt eines Kindes erfolgen – wieder unter allergrößten Schmerzen für die betroffene Frau.

Die Schilderung dieser inhumanen Praxis lässt mich betroffen und mit einer unbeschreiblichen Wut zurück: Wie kann es sein, dass Frauen solche Grausamkeiten angetan werden? Wir müssen uns hierbei nochmals bewusstmachen: Es handelt sich nicht nur um Berichte und Begebenheiten in fernen Ländern, die nicht zum westlichen Kulturkreis gezählt werden. Auch in Europa steigt die Zahl der Genitalverstümmelungen von Frauen, befeuert natürlich durch die wachsende Zahl von Migranten und Flüchtlingen, die diese vermeintliche „Tradition“ aus ihren Heimatländern importieren.

Ich fordere: Die Gewalt gegen Frauen, insbesondere aber die Genitalverstümmelung und Beschneidung junger Mädchen, muss sofort gestoppt werden. Hierbei geht es nicht um Kultur, nicht um Tradition – solch schreckliche Vorgänge sind inhuman, herabwürdigend und barbarisch. Wir müssen uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass Frauenrechte weltweit durchgesetzt werden und Frauen weltweit Herr über den eigenen Körper sein können.

Zugleich brauchen wir eine noch konsequentere Verfolgung und Bestrafung der Täter. Wir müssen den Frauen Hilfsangebote machen, sie aus ihren Familien, die ihnen solch schreckliche Dinge antun, herausholen und ihnen zu einem Leben in Selbstbestimmtheit, Freiheit und Sicherheit verhelfen. Jede Gewalttat gegen Frauen ist eine Gewalttat gegen die Grundwerte und Grundüberzeugungen unseres Landes und wir können uns nicht entspannt zurücklehnen und ausruhen, solange nicht jede einzelne Frau hierzulande sicher und ohne Angst leben kann.

Aus: www.tichyseinblick.de/kolumnen/ismail-tipi-klartext/gewalt-und-genitalverstuemmelung-an-maedchen-und-frauen-beenden/ (aufgerufen am 15.06.2020)

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