Hier ein Interview, das mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Ismail Tipi geführt wurde für taiwanische Medien. Dabei ging es um seine Erfahrungen und Erlebnisse, als er nach Deutschland gekommen war, den Beruf des Journalisten, Politik und Taiwan.

Du wurdest in der Türkei geboren. Als Kind bist du mit deinen Eltern nach Deutschland gekommen. Was ist dein erster Eindruck über Deutschland?

Ja, ich bin in der schönen Stadt Izmir an der Ägäis geboren. Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr habe ich mich in Izmir aufgehalten. Danach bin ich als eine der ersten Generation von Gastarbeiterkindern mit meinen beiden Geschwistern zu meinen Eltern nach Regensburg in Bayern gezogen. Als heranwachsender Jugendlicher war es für mich eine spannende Zeit nach Deutschland zu reisen. Der erste Eindruck war, dass Deutschland sehr grün ist. Alle Schattierungen dieser Farbe in den Wäldern bereiteten mir nach der Landung in München große Freude. Auch die schöne Donaustadt Regensburg gefiel mir sehr gut. Bis heute ist diese Stadt eine meiner Lieblingsstädte in Deutschland. Meine ersten Eindrücke waren sehr vielfältig. Das Leben lief unter geregelteren Umständen als in der damaligen Türkei. Die Grünflächen und Wälder waren so schön, dass ich jeden Quadratmeter genossen habe. Der Straßenverkehr war im Gegensatz zu großen türkischen Städten viel ruhiger und es gab weniger Hup-Geräuschen. Nur die Schule war für mich etwas gewöhnungsbedürftig. Hier waren die Schüler freier und auch nicht einheitlich gekleidet. In Izmir hatten die Schüler Uniformen und die Disziplin war sehr streng. Auch die Gastfreundschaft und freundliche Aufnahme meiner Klassenkameraden, aber auch die der Nachbarn ist mir bis heute in sehr guter Erinnerung geblieben.

Du hast in Bayern die Schule besucht und Maschinenbau studiert. Aber nach dem Studium bist du Journalist geworden und hast über 20 Jahren in den Medien gearbeitet. Ingenieur ist für die meisten Deutschen ein Traumjob und im Arbeitsmarkt immer sehr gefragt. Warum hast du dich trotzdem für Journalismus entschieden?

Meine Mutter wollte, dass ich Maschinenbau studiere. Für sie war das damals ein Beruf, mit dem man seine Familie sorglos ernähren konnte. Ich wollte dagegen immer Journalist werden und war schon im jungen Alter mit 16 Jahren als freiberuflicher Journalist für verschiedene kommunale Zeitungen unterwegs. Während meiner Schul- und Studienzeit habe ich dann freiberuflich für überregionale Zeitungen als Journalist gearbeitet. Journalismus wurde mehr als 30 Jahre lang mein Hauptberuf, in dem ich immer große Freude hatte. Natürlich ist der Beruf des Ingenieurs in einem Land der Erfinder und Denker wie Deutschland ein Traumjob. Aber ich wollte als Journalist etwas bewegen, mögliche Missstände aufdecken und die Gesellschaft medial mitgestalten. Für mich war Journalismus mein Traumjob und ich habe in den 30 Jahren als Journalist viel bewegen können. Besonders bei der politischen Berichterstattung habe ich mehrere Skandale aufgedeckt und war neun Mal in Folge Journalist des Jahres. Ich habe meine Arbeit sehr geliebt. Würde ich heute neu geboren, würde ich diesen Job wieder zu meinem Hauptberuf machen.

Kannst du die junge Generation von Journalisten beraten, was man in diesem Beruf beachten muss? Was bedarf es, um ein guter Journalist oder eine gute Journalistin zu werden?

Wie in allen anderen Berufen muss man auch den Journalismus lieben. Wenn man sich einmal journalistisch betätigt hat, ist es in einem übertriebenen Sinne wie eine Sucht, von der man nicht mehr loskommt. Den jungen Journalistinnen und Journalisten rate ich immer objektiv zu bleiben und nur die Wahrheit zu veröffentlichen. Gerade in einer Zeit der digitalen Welt sollte die Wahrheitsfindung an erster Stelle im Vergleich zur Schnelligkeit liegen. Sie sollten niemals einen Bericht veröffentlichen, den sie persönlich nicht recherchiert oder hinterfragt haben, oder bei dem sie sich nicht sicher ob der Wahrheit des Inhalts sind. Junge Journalisten sollen auch in schweren Zeiten ihre Verantwortung gegenüber der Unabhängigkeit nie verlieren und sich von nichts auf der Welt beeinflussen lassen. Wenn man muss, sollte man seinen Stift brechen, aber diesen niemals verkaufen. Ich wünsche allen jungen Journalisten, dass sie sich weltweit für Frieden, Wahrheit, demokratische Werte und die Gleichberechtigung aller Menschen einsetzen.

Warum hast du dich dann entschieden, in die Politik zu gehen? Warum dann in die CDU? Wir wissen, die CDU ist eine stark von christlichen Werte geprägte Partei.

Nach etwa 30 Jahren Journalismus wollte ich mich gesellschaftlich aber auch politisch durch meine Erfahrungen als Migrant in der Integration, aber auch in politischen Themen aktiv einsetzen. Ich wollte nicht von Wahl zu Wahl ein Kreuz machen und mich nur auf diese Weise politisch betätigen. Ich wollte die Politik direkt in der politischen Küche mitgestalten. Da ich in Regensburg aufgewachsen bin, hatte ich eine Sympathie zur Christlich-Sozialen Union, der CSU und damit auch zur Christlich Demokratischen Union, der CDU. Als langjähriger politischer Journalist hatte ich die Möglichkeit, etwa 30 Jahre lang die politische Landschaft in Deutschland zu beobachten sowie darüber zu schreiben. In dieser Zeit durfte ich mehrere deutsche Politiker persönlich kennen lernen, sie begleiten oder interviewen. In all den Jahren wurde mir eins klar: Die CDU hat eine klare Linie. Hier wurde das Versprochene immer gehalten. Auch wenn das eine oder andere Thema für Menschen mit Migrationshintergrund nicht einfach war, habe ich die Entscheidungen verstehen können, wenn ich eine Nacht darüber geschlafen hatte. In der CDU ist nach meiner Meinung das Sein größer als der Schein. Deswegen habe ich mich im Jahr 1999 für die Mitgliedschaft in der CDU entschieden. Es ist richtig, die CDU ist eine konservative mit christlichen Werten geprägte Partei. Als türkischstämmiger Bürger dieses Landes mit muslimischen Glauben habe ich kein Problem mit dem großen „C“ beim Parteinamen gesehen, denn gerade die christlichen Werte sind es, die mich auch als Muslim zu dieser Partei gebracht haben. In allen abrahamitischen Buchreligionen gibt es eine große Schnittmenge an gemeinsamen Werte. Allein schon das große „D“ im Parteinamen ist es wert, sich für diese großartige Partei zu engagieren.

Du hast Taiwan zwei Male besucht und die Demokratie und den Lebensstil hier in Taiwan mit eigenen Augen gesehen. Du hast dich auch mit taiwanischen Politikern in vielen Themen ausgetauscht. Hast du die Unterschiede zur deutschen Demokratie bemerkt?

Es war für mich immer eine besondere Freude, meine Freunde in Taiwan zu besuchen. Taiwan ist für mich das lachende Auge Asiens, ein Land mit freundlichen Menschen, einer wunderschönen Landschaft, mit Kultur aber auch mit einer ausgezeichneten, leckeren Küche. Taiwan ist ein demokratischer Rechtsstaat, der mit den westlichen Ländern auf Augenhöhe steht. Taiwan hat meiner Meinung nach durch seine Innovationskraft und seine geografische Lage mit seinen fleißigen und freundlichen Menschen noch eine große Zukunft. Deswegen braucht Taiwan noch mehr die internationale Unterstützung, um die Demokratie dort zu stabilisieren und voranzutreiben. Ich werde auch in den kommenden Jahren gerne öfters Taiwan und meine Freunde besuchen. Meine Kontakte zu den taiwanesischen Kolleginnen und Kollegen sind sehr gut, wir stehen immer in einem guten Austausch. Die Unterschiede der Politiker sind eigentlich nicht sehr groß, alle wollen das Beste für ihr Land und seine Bürger. Das heißt in allen demokratischen Ländern haben demokratisch-gesinnte Politiker das gleiche Ziel, auch wenn sie verschiedene Wege benutzen, die Interessen des Landes und seiner Bürger zu schützen. Deswegen sollten wir auch in Zukunft die Zusammenarbeit zwischen Taiwan und Deutschland auf allen Ebenen verstärken.

Du bist der integrationspolitische Sprecher der CDU-Fraktion in Hessen. Deine Partei hat eine perfekte Person ausgesucht, denn du bist toll integriert als ein Migrant, ein Muslim, ein deutscher Journalist und Politiker. Wie funktioniert deiner Meinung nach die gute Integration?

Ich bin glücklich und auch ein wenig stolz darauf, integrationspolitischer Sprecher meiner Fraktion in Hessen zu sein. Hier kann ich meine persönlichen Erfahrungen gut einbringen und mich für ein friedliches Miteinander in der Zukunft engagieren. Deutschland ist ein Land mit einer sehr hohen Willkommenskultur. Hier sind Gäste willkommen. In Deutschland versucht man, auch auf Grund seiner demographischen Herausforderungen, die zugewanderten Neubürger möglichst schnell und gut zu integrieren. Dazu gibt es sehr vielfältige Maßnahmen und Bemühungen, in die auch sehr viel Geld investiert wird. Die Politik in Deutschland hat seit vielen Jahren das Thema „Integration“ zur Chefsache gemacht. Integration ist aber keine Einbahnstraße, sie kann nur gelingen, wenn beide Seiten guten Willen zeigen und sich für eine gelungene Integration engagieren. Wenn man in Deutschland bereit ist zu arbeiten, Leistung zu bringen und auch Verantwortung zu übernehmen, stehen einem alle Türe und Tore offen. Das heißt, ich als türkischstämmiger, muslimischer Bürger in Deutschland sitze als Abgeordneter im Hessischen Landtag, obwohl ich keinen typisch deutschen Namen habe und wurde mit einem sehr guten Ergebnis direktgewählt. Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit wird in Deutschland sehr hart bekämpft. Wer in Deutschland eine Heimat suchen will und sich gemäß den Gesetzen und der Verfassung verhält, ist in diesem Land immer herzlich willkommen. Wir sagen: „Hesse ist jeder, der Hesse sein will“.

Als ein Deutscher mit türkischem Hintergrund, wie identifizierst du dich politisch und kulturell? Gibt es möglicherweise Konflikte zwischen deinen verschiedenen Identitäten?

Nein, diesen Kulturkampf oder Identitätskonflikt habe ich nicht. Ich komme aus einem Land, das laizistisch ist und demokratische Werte hat. Natürlich denke ich manchmal türkisch und verleumde auch nie meine Herkunft, aber Deutschland ist meine Heimat. Ich denke, lache, liebe oder fluche zum allergrößten Teil auf Deutsch. Wenn man sich in einem Land sesshaft machen möchte und sich der Gesellschaft und der Werte anpasst, gibt es auch kein Identitätsproblem.

In Taiwan hat der Nachwuchs von Emigranten die taiwanesische Staatsangehörigkeit. Sie sind aber in einer Familie ausländischer Kultur aufgewachsen. Man fragt sich, ob man Taiwaner oder Ausländer ist. Oft haben sie es schwer, die Antwort ohne Zögern zu sagen, oder sie fühlen sich gezwungen, zwischen den Identitäten zu wählen. Wie könnten die Kinder mit ausländischem Hintergrund mit Identitätsproblemen zurechtkommen?

Es mag natürlich für manche Menschen nicht einfach sein, sich in einem fremden Land neu zu orientieren oder sich zu integrieren. Man muss sich aber einer Sache im Klaren sein: Wo komme ich her, wo bin ich und wo will ich hin? Wenn man die Absicht hat, in dem Land zu bleiben, seine Wurzeln dort aufzuschlagen, Familie zu gründen und es als neue Heimat zu sehen, dann klärt sich die Frage „Wo ist mein Lebensmittelpunkt?“ ganz schnell. Heimat ist auch da, wo man in Frieden glücklich lebt, seine Arbeit hat, satt wird und auch in Freiheit lebt. Man darf sich, symbolisch gesehen, nie wie eine Marionette mit einem doppelten Kopf verhalten. Wenn man mit einem Kopf Richtung Geburtsland und mit dem anderen auf das neue Heimatland blickt, dann wird man sich niemals zurechtfinden. In dem Moment, in dem man sich für die neue Heimat entschieden hat, muss der Schalter im Kopf umgedreht werden. Hier beginnt dann die Lösung des Identitätsproblems, in dem man die Sprache lernt, eine schulische und berufliche Ausbildung absolviert, Verantwortung im Ehrenamt übernimmt und in der Gesellschaft Teilhabe zeigt. Die magischen drei Schlüssel für eine gelungene Integration sind also: Sprache, schulische wie berufliche Qualifikation und Teilhabe in der Gesellschaft.

Kannst du vom Extremismus erzählen? Ich weiß, du bist Befürworter der Demokratie und Freiheit. Aber leider sind in einer demokratischen Gesellschaft auch immer die politischen und religiösen Extremisten zu sehen. Du bist auch mehrmals von Extremisten bedroht worden. Wie schlimm ist die Situation in Deutschland bzw. Europa und was tut man dagegen?

Leider gibt es in jeder Gesellschaft, auch in der Demokratie, extremistische Strukturen. Linker, rechter und religiöser Extremismus sind immer eine Bedrohung und Gefahr für Demokratie und den Rechtsstaat. Gerade in demokratischen Ländern wie Deutschland dürfen wir auf keinem Auge blind sein. Wir müssen die gesellschaftliche, aber auch die politische Bedrohung erkennen, ernst nehmen und diese mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpfen. Extremisten jeglicher Art haben als Ziel unsere demokratischen Werte. Sie nehmen sich die Freiheiten eines demokratischen Staates um genau diesen zu bekämpfen. Und hier müssen die Gesellschaft, die Politik und die Medien hell wach sein und jegliche extremistischen Bestrebungen im Keim ersticken. Es ist richtig, dass ich mich seit vielen Jahren gegen radikalislamistische, salafistische und dschihadistische Bestrebungen in Deutschland stelle. Ich sehe gerade im dschihadistischen, radikalen Islam eine große Bedrohung und Gefahr. Es ist auch richtig, dass ich deswegen mit Mord bedroht werde. In Deutschland, aber auch im gesamten Europa wird der salafistische Islam immer mehr zu einer Herausforderung, aber auch einer Bedrohung für die innere Sicherheit. Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit wurden leider in den letzten Jahrzehnten sehr viele Fehler gemacht und die dschihadistischen Tendenzen leider übersehen. Deswegen warne ich die gesamte Welt vor radikalislamistischen, dschihadistischen Menschen- und Demokratiefeinden. Der Islam ist eine Religion wie jede andere. Es gibt hier aber extremistische Strukturen, die die Demokratie durch Scharia ersetzen wollen. Das dürfen wir als Weltgemeinde nicht zulassen.

Hier der Link zum abgedruckten Interview: https://opinion.cw.com.tw/blog/profile/289/article/7909

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